Es gibt Seetage, an denen die Zeit einfach ruhig dahinfließt und es gibt Seetage, die sich für immer Erinnerung einbrennen. Dieser Tag gehörte definitiv dazu. Der Morgen begann genauso entspannt wie die meisten Tage auf See. Ausschlafen, ohne auf die Uhr zu schauen, anschließend in aller Ruhe frühstücken und den Blick über das endlose Meer schweifen lassen. Wie jeden Morgen meldete sich der Kapitän mit seiner Durchsage. Er informierte uns darüber, in welchem Seegebiet wir uns gerade befanden, wie die Wetterlage war und dass wir heute ein Gebiet durchqueren würden, in dem mit etwas Glück Wale und Delfine zu sehen seien. In diesem Moment wurde ich sofort aufmerksam. Seit vielen Jahren war es ein großer Traum von mir, diese faszinierenden Tiere einmal in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben, dort, wo sie zu Hause sind: im offenen Meer. Wie oft bekommt man im Leben schon eine solche Gelegenheit? Plötzlich ertönte eine weitere Durchsage von der Brücke: Ein Wal war gesichtet worden! Im Restaurant sprang gefühlt die Hälfte aller Gäste gleichzeitig auf. Natürlich gehörte auch ich dazu. Mit klopfendem Herzen eilte ich nach draußen. Doch als ich auf dem Deck ankam, war nichts mehr zu sehen. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, das Meer lag ruhig da, während die Luna gemächlich Kurs auf Spitzbergen hielt. Die Hoffnung wollte ich trotzdem nicht aufgeben. Also zog ich mich warm an, schnappte mir mein Fernglas, kuschelte mich mit warmer Kleidung auf meinem Balkon ein und ließ meinen Blick immer wieder über die Wasseroberfläche wandern. Und dann passierte etwas, das ich niemals vergessen werde, plötzlich war überall Leben. Direkt rund um das Schiff tauchten Zwergwale auf. Gleichzeitig schwammen Delfine durch die Wellen, als würden sie das Schiff ein Stück begleiten. Ich konnte es kaum glauben. Mein Herz schlug bis zum Hals, meine Hände zitterten und mir schossen augenblicklich die Tränen in die Augen. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen einen die Schönheit der Natur völlig überwältigt. Die Tiere waren so nah, dass ich das Fernglas kaum noch brauchte. Immer wieder tauchten sie an der Oberfläche auf, holten Luft und glitten anschließend lautlos zurück in die Tiefe. Sie wirkten vollkommen gelassen, als würde unsere Anwesenheit sie kaum stören. Zu wissen, dass wir hier nur Gäste waren und dies ihr Zuhause ist, machte diesen Augenblick noch viel besonderer. Zwergwale glitten elegant an die Oberfläche und verschwanden ebenso lautlos wieder in den Tiefen des Nordmeeres. Hin und wieder entdeckte man in der Ferne die mächtigen Fontänen großer Wale. Und dann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Durch das Fernglas konnte man beobachten, wie ein gewaltiger Wal aus dem Wasser sprang. Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ein Anblick, den man wohl nie wieder vergisst. Natürlich versuchte ich, diese besonderen Augenblicke mit dem Handy festzuhalten. Doch kein Foto und kein Video konnten das wiedergeben, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen und vor allem mit meinem Herzen gefühlt habe. Manche Erinnerungen lassen sich eben nicht in Bildern speichern, sie bleiben für immer in mir. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit, dass ich diese wunderbaren Meeressäuger in Freiheit erleben durfte. Es war nicht nur eine Wal- oder Delfinsichtung. Es war eine Begegnung mit der Natur in ihrer ursprünglichsten und beeindruckendsten Form. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir Menschen diesen einzigartigen Lebewesen auch in Zukunft mit Respekt, Ehrfurcht und Verantwortung begegnen. Denn wir betreten ihre Welt nur für einen kurzen Augenblick, sie aber nennen sie ihr Zuhause. Dieser Seetag war weit mehr als nur ein Tag auf dem Meer. Er war die Erfüllung eines Traums und ein Moment, der mich tief berührt hat. Ein Tag, den ich für immer in meinem Herzen tragen werde. Teilen mit: Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp Gefällt mir:Gefällt mir Wird geladen … Beitragsnavigation Honningsvåg und das Nordkap – ein Höhepunkt am nördlichsten Rand Europas Ein Tag in Longyearbyen – Eine Reise an den nördlichsten Punkt meines Lebens